Wie schreibt man einen Rückblick über ein Projekt, dessen einzelne Kapitel längst in Blogbeiträgen stehen? Vielleicht, indem man das Ganze noch einmal von oben betrachtet. Vor gut einem Jahr entstand aus einer spontanen Idee ein Prototyp – und inzwischen bin ich auf der linken Rheinseite von Remagen bis zur niederländischen Grenze gelaufen, einmal durch ganz Nordrhein-Westfalen am Rhein entlang. Mit der Erfahrung aus den ersten Kilometern rund um Bonn, dass die Bilder tragen und eine Geschichte entsteht, hat das Projekt in diesem Jahr wirklich Fahrt aufgenommen.
Während ich unterwegs war, hat sich ein Thema immer stärker nach vorne geschoben: die Frage nach Heimat und Sehnsuchtsorten. Ursprünglich dachte ich an einen Gegensatz: Nähe hier, Ferne dort. Doch die Wege haben mich eines Besseren belehrt. Der Niederrhein, meine Herkunftsregion, ist für mich längst selbst ein Sehnsuchtsort geworden. Ich suche dort nach Bildern aus der Kindheit, nach Klischees, nach Bestätigungen und Brüchen.
Gleichzeitig verschiebt sich die Perspektive von außen nach innen: Die Betreiberin des kleinen Bed & Breakfast in der Toskana – unserem eigenen Sehnsuchtsort der letzten zwanzig Jahre –, wo ich im Sommer die Fotos für die Niersausstellung sequenziert habe, war äußerst fasziniert von meinen Niederrhein-Bilder. Für sie wirkt diese Landschaft exotisch, so fremd wie für uns einst die toskanischen Hügel. Wir planen, nächstes Jahr ein Ausstellungsevent bei ihr durchzuführen.
Diese Erfahrung hat mich zurück ins eigene Fotoarchiv geführt: zu den ersten Niederrhein-Aufnahmen, in denen das Warmbandwerk von ThyssenKrupp (damals noch nur Thyssen) mit ihren Dampfwolken das Heimatbild prägte – rau, industriell, nicht gerade idyllisch. Daneben heute Kühe auf den Weiden, stille Landschaften, fast pastoral. Und dann die frühen Toskana-Fotos: keine sanften Hügel, sondern die kargen, erodierten Flächen der Crete Senesi, fast mondartig. Erst später kamen die milden Farben, der Perugino-Himmel, die Dörfer auf den Hügelkuppen.
Diese Kontraste – Industrie und Weide, Mondlandschaft und Postkartenblick – zeigen, wie sehr sich Heimat und Sehnsuchtsort gegenseitig spiegeln und verändern. Vielleicht liegt genau darin der Kern dieses Jahres: im Unterwegssein zwischen den Orten und Bildern, die mich geprägt haben, und denen, die ich mir wünsche.



